Daniel Tatlow-Devally
Daniel verfasste deren Zeugnis auf Englisch, übersetzte es ins Deutsche und las es auf Deutsch vor
Zuerst möchte ich sagen: Nach dem, was hier bisher geschah, bin ich auf gar keinen Fall überzeugt, dass dies ein gerechtes Verfahren ist, und ich habe auch Zweifel, dass das Gericht mir wirklich zuhören wird. Mir ist es trotzdem wichtig zu sagen, was ich zu sagen habe.
Mein Handeln in dem Elbit-Betrieb in Ulm war ausschließlich durch dringende humanitäre Erwägungen motiviert. Sie wurzeln in der Erkenntnis, dass Israels Aneignung der palästinensischen Gebiete, die Unterwerfung einer Bevölkerung unter Apartheidgesetze, die Inhaftierung von Kindern ohne Anklage sowie die weit verbreitete Praxis sexueller Gewalt gegen palästinensische Gefangene – dass die Summe dieser Praktiken schlichtweg ungerecht ist. Und dass es falsch ist, sie materiell und diplomatisch zu unterstützen.
Da ich diese Tatsachen kannte, kamen für mich die Verhaltensmuster Israels nicht überraschend, als Israel im Oktober 2023 seine Offensive in Gaza startete. Zahlreiche internationale Gremien, darunter eine unabhängige UN-Untersuchungskommission, sind zu dem Schluss gekommen, dass Israels Handlungen im Gazastreifen mehrere Kriterien für Völkermord erfüllen, von denen jedes für sich genommen ausreicht, um zu dem Schluss zu kommen, dass ein solcher stattfindet. Dazu gehören die systematische Tötung von Angehörigen einer geschützten Gruppe, die systematische Zerstörung der für das Überleben notwendigen Lebensbedingungen, die Unterbindung jeglichen Zugangs zu Schwangerschafts- und Geburtshilfe sowie die Vorenthaltung von Nahrungsmitteln und Hilfsgütern in einer Weise, die eine künstliche Hungersnot begünstigt.
Wegzuschauen, wenn ein Völkermord stattfindet, ist verwerflich; die Ausrüstung bereitzustellen, um diesen durchzuführen, ist noch schlimmer. Angesichts der sich häufenden Beweise für Israels Völkermord in Palästina entschied sich Deutschland nicht nur dafür, Israels Streitkräfte weiterhin zu versorgen und zu unterstützen – es stockte seine Lieferungen von Waffen und Kriegsausrüstung an Israels Besatzungs- und Invasionsarmee sogar drastisch auf. Es gibt vieles, was ich an meiner Wahlheimat Deutschland liebe. Aber dass Deutschland den Massenmord an den Menschen in Gaza in Form materieller Hilfe unerschütterlich unterstützt hat und hochrangige Politiker zudem ankündigten, die vom Internationalen Strafgerichtshof erlassenen Haftbefehle gegen Personen, die der Verbrechen gegen die Menschlichkeit verdächtigt werden, einfach zu ignorieren – das war und bleibt erschütternd und herzzerreißend.
Fast noch schlimmer waren die gelegentlichen Äußerungen der Besorgnis seitens der Regierung sowie Aussagen, die so interpretiert werden sollten, als würden keine Waffen und andere Rüstungsexporte mehr zur Unterstützung des Völkermords geliefert. Bei genauerer Betrachtung bedeuteten diese etwas ganz anderes: Sie sollten den Anschein erwecken, Deutschland würde das Richtige tun und sich an das Völkerrecht halten, ohne dass die Regierung dabei ihr wirkliches Verhalten in irgendeiner relevanten Weise tatsächlich änderte.
Ich sah mich aus diesen Gründen gezwungen, etwas zu tun, das untrennbar und in komplexer Weise mit dem demokratischen Leben verbunden ist und für dieses unverzichtbar ist, gleichzeitig aber selten in seiner Bedeutung für dieses anerkannt und geschätzt wird: Ich ergriff direkte Maßnahmen.
Durch die Beschädigung der Rüstungsproduktion von Elbit Systems in Ulm sollte deren materielle Unterstützung der Verbrechen in Gaza so weit wie möglich gestoppt werden. Denn diese bedeutet Beihilfe zu einem Völkermord. Ich tat dies in der Hoffnung, hierdurch die weitere Belieferung der israelischen Streitkräfte wenigstens stören zu können. Und ich tat dies auch in der Absicht, öffentlich zu skandalisieren, dass die deutsche Regierung und in Deutschland ansässige Rüstungskonzerne den Krieg gegen Gaza aktiv unterstützen und Geld damit verdienen.
Seitdem befinde ich mich in Untersuchungshaft in Ulm. Es ist eine verstörende Erfahrung. Ich habe mich an das Geräusch einer Zellentür gewöhnt, die ins Schloss fällt und mich von der Welt wegschließt. Ich habe den Himmel, wenn überhaupt, nur eine Stunde am Tag gesehen. Ich habe gesehen, wie Freundlichkeit und tiefe Boshaftigkeit in diesem Mikrokosmos engstens nebeneinander existieren können. Ich habe gesehen, wie das Licht langsam aus den Augen hier inhaftierter Männer verschwand, während die Welt sie zu vergessen schien, und ich rang mit Schuldgefühlen wegen der Solidarität und Zuneigung, die ich selbst erfahren habe. Zwei dieser von der Welt vergessenen Männer unternahmen Selbstmordversuche; einer hatte damit Erfolg. Fünf Monate lang sah ich meine Angehörigen nur durch eine Plexiglasscheibe - aufgrund eines Verwaltungsfehlers.
Als ich in der Anklageschrift las, dass der Staatsanwalt versucht, uns als antisemitisch darzustellen, ganz im Sinne eines ausgelaugten und trügerischen Argument, welches in der deutschen Öffentlichkeit weit verbreitet ist, war ich nicht überrascht, aber dennoch empört. Es ist eine Schande, Widerstand gegen Besatzung und Massenmord als Antisemitismus darzustellen. Es war daher ermutigend, ergreifend und auch amüsant, diese deutsche Rhetorik des Antisemitismusvorwurfs mit der herzlichen Solidarität meiner vielen jüdischen Familienmitglieder zu kontrastieren. Besonders hervorheben möchte ich an dieser Stelle die tiefe Solidarität, die mein jüdischer Stiefvater mir gegenüber in den vergangenen Monaten zeigte. Sein moralischer Kompass, seine Herzensfreundlichkeit und seine Widerstandskraft haben mich seit meiner frühen Kindheit geprägt.
Es war im September 2025 von äußerster Dringlichkeit, die von Deutschland zugelassenen Ausrüstungslieferungen an die IDF zu stoppen, und sei es nur einen Tag oder eine Stunde lang. Was ich getan habe, erachtete ich als erforderlich, um viel Leid zu verhindern. Ich tat dies in dem Bewusstsein, dass diese Aktion einen enormen persönlichen Preis für mich haben könnte.
Es herrscht seit Oktober 2025 in Gaza ein angeblicher Waffenstillstand, der diesen Begriff nicht verdient. Neunhundert Gazans sind seitdem durch israelische Bomben ums Leben gekommen, nach wie vor der größte Teil davon Leute, die unmöglich Kämpfer sein könnten. Stromgeneratoren werden seit Beginn der 1990er von der IDF aus Gaza ferngehalten, und das, heute, in einem Gaza, in dem fast die gesamte Infrastruktur zerstört worden ist. Erst heute hat die israelische Regierung angekündigt, 70 Prozent des Gazastreifens einzunehmen. Ich trage keine rosarote Brille. Die Lage in Gaza ist ernst.
Ich stehe heute hier, erfüllt von der vorsichtigen, aber festen Hoffnung auf eine Zukunft, die sich grundlegend von unserer Gegenwart unterscheidet. Eine Zukunft, in der weder die Menschlichkeit noch die Rechte der Palästinenser:innen von den europäischen Mächten oder irgendjemand anderem lediglich als lästiges Hindernis betrachtet werden. Eine Zukunft, in der Vertreibung und Verfolgung dieser Menschen nicht mehr als tragfähiges Geschäftsmodell angesehen wird. Eine gerechte und sichere Zukunft für ein freies Palästina.
Crow Tricks
Crow verfasste und verlas deren Aussage auf Englisch; der Gerichtsdolmetscherin übersetzte sie ins Deutsche. Bisher steht nur die originale Verfassung zur Verfügung.
Leandra Rollo
Leandra verfasste und verlas ihre Aussage auf Englisch; der Gerichtsdolmetscherin übersetzte sie ins Deutsche. Bisher steht nur die originale Verfassung zur Verfügung.
Zo Hailu
Zo verfasste und verlas deren Aussage auf Englisch; der Gerichtsdolmetscherin übersetzte sie ins Deutsche. Bisher steht nur die originale Verfassung zur Verfügung.
Vi Kovarbasic
Zo verfasste und verlas deren Aussage auf Deutsch.
Mitten in Ulm befindet sich der Standort von Elbit Systems, Israels größtem privaten Waffenunternehmen. Während Ulmer Bürger:innen ihre Kinder zur Schule bringen, in den Fußgängerzonen ihre Einkäufe erledigen und in den Parks die Frühlingssonne genießen, werden in ihrer unmittelbaren Nähe, in den Hallen von Elbit Systems, Instrumente gebaut, die in Palästina und andernorts seit Jahrzehnten Menschen überwachen, terrorisieren und ermorden.
Der überwiegende Teil der in Gaza eingesetzten Drohnen, die ganze Nachbarschaften in Trümmer legten und vermeintlich sichere Orte, wie Krankenhäuser und Schulen bombardierten, wurde und wird von Elbit Systems produziert.
In Gaza gibt es keine funktioniere medizinische Versorgung mehr. Stellen Sie sich vor, Sie müssten einen Kaiserschnitt ohne Betäubung aushalten, Ihrem Kind würden ohne Betäubung ganze Gliedmaßen amputiert. Zustände, die mit Hilfe der von Elbit Systems hergestellten Mordwerkzeuge herbeigeführt wurden, durch welche diese Firma enorme Profite erwirtschaftet hat und weiter erwirtschaftet. Elbit Systems wirbt damit, dass die eigenen Produkte in Gaza erprobt wurden. Mord, Zerstörung und massenhafte Vernichtung der Zivilbevölkerung als besonderes Gütezeichen. Tagtäglich sterben durch die Produkte von Elbit Systems Menschen wie Sie und ich. Zivilisten. Menschen mit Hoffnungen, Ambitionen, Träumen. Unter diesen vor allem Kinder, durch deren Ermordung eine ganze Generation ausgelöscht wurde. Ein in Gaza lebender Freund berichtete mir, wie Menschen, die kurz vor dem Hungertod, verzweifelt für das wenige noch verfügbare Mehl anstehend, durch Drohnenangriffe in die Luft gesprengt oder gezielt beschossen wurden.
In der besetzen West Bank werden Palästinenser*innen kontrolliert, schikaniert, ermordet und ihrer Würde beraubt. Auch hier maßgeblich ermöglicht durch die Produkte von Elbit Systems.
Und all dies nicht erst seit gestern. Seit 1948, seit 78 Jahren, werden Palästinenser:innen unterdrückt, ihrem Land und ihrer Kultur beraubt. Schwer bewaffnete Soldatinnen dringen in die Häuser der dort lebenden Palästinenserinnen ein und erzwingen deren Herausgabe an die israelischen Siedler. Die Gewalt der israelischen Besatzer ist seit 1948 Alltag. Gaza und die West Bank sind Freiluftgefängnisse. Unzählige Märtyrer*innen starben und sterben im Widerstand gegen die entwürdigenden Lebensumstände und den Raub ihres Landes.
Schon vor 2023 flogen ununterbrochen Drohnen über Gaza und der West Bank. Stellen Sie sich vor: Sobald Sie aufwachen, hören Sie den Lärm der Drohnen. Es ist der Drohnenlärm, der Sie nachts nicht schlafen lässt. Während Sie kochen, schlafen, arbeiten, Hochzeiten feiern, auf Beerdigungen den Verlust Ihrer Angehörigen betrauern. Immer hören Sie den Lärm der Drohnen. Jene Drohnen, die Sie überwachen und jederzeit ihr Haus zerstören, ein geliebtes Familienmitglied töten können. Das ist nichts anderes als Folter. Es sind die Drohnen, deren überwiegenden Anteil Elbit Systems produziert.
Die in Gaza herrschende Realität ist für mich kaum in Worte zu fassen. Nach dem Massenmord, der Zerstörung, ist Gaza nichts weiter als ein Trümmerhaufen. Unter den Trümmern ungezählte Leichen. Zwischen den Trümmern elternlose Kinder. Die Böden, das Wasser, sind durch den Krieg vergiftet. Felder vernichtet. Nach der Auffassung führender Expert:innen würden 80 Jahre benötigt, um den vor dem Oktober 2023 bestehenden, ohnehin schon katastrophalen, Zustand der natürlichen und infrastruktururellen Lebensgrundlage der Menschen in Gaza wieder herstellen zu können.
All dies wäre ohne die durch Elbit Systems hergestellten Instrumente, durch deren Verkauf Elbit Systems enorme Profite erwirtschaftet hat, nicht möglich gewesen. Wie kann es sein, dass Mitten in Deutschland, in Ulm, eine solche Firma existieren darf?
Die Bundesregierung unterstützt den Genozid politisch, militärisch und finanziell. Anerkannte internationale Institutionen wurden und werden durch die Bundesregierung delegitimiert. Trotz der Entscheidung des internationalen Gerichtshofs, der in Israels Vorgehen plausible Anhaltspunkte für das Vorliegen eines Genozides festgestellt hat, trotz der durch den internationalen Strafgerichtshof gegen Netanjahu sowie weitere Minister seiner Regierung erlassenen Haftbefehle: Deutschland unterstützt das Menschheitsverbrechen an den Palästinenser*innen.
All dies ist für mich als Mensch, der über Empathie und Mitgefühl verfügt, nicht auszuhalten. Es zerreißt mir das Herz. Dem Massenmord in Gaza tatenlos zuzusehen, ist für mich unvorstellbar.
Deshalb organisierte ich mich jahrelang politisch. Ebenso wie tausende anderer Menschen in diesem Land. Mein, unsere bisherige politische Tätigkeit, der Einsatz für ein freies Palästina, blieb nicht nur unerhört, sondern ich, wir, erfuhren extreme staatliche Gewalt.
Propalästinensische Demos durften nicht mehr durch die Straßen Berlins ziehen, wurden physisch niedergeschlagen oder gleich von vornherein verboten. Gegen friedliche Demonstrierende wurden aberwitzige Auflagen verhängt. So war zum Beispiel der Sticker einer Wassermelone ausreichend, von Polizisten geschlagen zu werden, pro-palästinensische Äußerungen über soziale Medien genügten, um die gewaltsame Durchsuchung der eigenen Wohnung richterlich absegnen zu lassen.
Allein in Berlin werden tausende Strafverfahren gegen Menschen geführt, die sich friedlich gegen den Genozid eingesetzt haben. Die meisten wegen sogenannter Äußerungsdelikte. Künstler*innen wurden ausgeladen und defunded. Professor:innen, die sich für die Recht ihrer Studierenden auf friedlichen Protest aussprechen, werden in der Presse als Antisemit:innen diffamiert und mundtot gemacht – dieselbe haltlose Unterstellung, mit der auch die Generalstaatsanwaltschaft unsere Aktion politisch und moralisch zu delegitimieren versucht.
Was konnte ich noch tun, um dieses furchtbare Blutbad, diesen Schrecken, dieses Menschheitsverbrechen zu stoppen? Mir bliebt nichts anderes übrig, als mit eigenen Händen den Bau einer weiteren Drohne zu verhindern. In der Hoffnung, dass vielleicht ein Mensch weniger sterben muss. Dort einzuschreiten, wo die Produktion dieser einzig für Mord, Zerstörung und Überwachung entwickelten Objekte stattfindet. Und das in meinem Umfeld, mit meinen Möglichkeiten. In Deutschland.
Ich fordere ein Ende dieser schrecklichen Gewalt. Ich fordere ein freies Palästina. Ich fordere: Elbit Systems muss raus aus Deutschland.
Meine Genossinnen und ich sitzen in Haft, weil wir ein Ende dieser nicht endenden, grauenhaften Gewalt fordern und uns hiergegen eingesetzt haben. Weil wir Menschlichkeit fordern. Unsere Kriminalisierung, unsere Inhaftierung, ist der Versuch, dieser Forderung, diesem Einsatz, die Berechtigung abzusprechen. Wenn Sie uns deswegen verurteilen, schützen Sie den Profit durch Massenvernichtung, Gewalt, die totale Zerstörung von Land und Menschen und das Antreiben der Kriegsmaschinerie und unterstützen so das Menschheitsverbrechen an den Palästinenserinnen.