Vi Kovarbasic: Aufzeichnung #1 (22.05.2026)

Veröffentlicht: 2026-06-18

Aktualisiert am: 2026-06-18


Vi verfasste diesen Eintrag am vierten Verhandlungstag und hielt darin den Weg vom JVA Schwäbisch Gmünd zum Gerichtssaal am JVA Stammheim und zurück fest. Die Erwähnungen von „gutem Benehmen“ im Umgang mit den Beamten beziehen sich auf die Anhörung zwei Tage zuvor, bei der die Ulm5 gegen den Mangel an einem fairen Verfahren protestierten, indem sie sich weigerten, den Gerichtssaal zu betreten, und stattdessen von Beamt:innen hineingetragen bzw. wie in Vis Fall auf einem Bürostuhl hineingerollt werden mussten. –Josie

Aufzeichnung #1, 22.05.26 ca 7:20 Uhr

Guten Morgen, aus dem Bunker, mit weißen Wand-, schwarzen Bodenfliessen, türkis-petrolblauen Tischer/Stühlen, an Ort und Stelle fixiert, Metall-Klo mit integriertem Waschbecken, Fenster zur Verteidiger-Kabine. 5:00 wurde ich in der JVA durch die “Notfallsprechanlage” geweckt, war wie immer bisher bei Verhandlungen allerdings schon weitaus früher wach - ca. 4:00. Als warte mein Körper, geweckt zu werden. “Dam-Dü-Dam” (Sound des Notfallsprechanlage) – GUTEN MORGEN!

→ ich springe auf, klettere das Bett herunter. Meine ZG wurde 100% auch aus dem Schlaf gerissen. Ich hüpfe die 2 Meter zur Tür, wo sich die Anlage befindet. Diese rauscht, wartend, dass ich den roten, glatten, mit kleinem leuchtenden Punkt, Knopf betätige und mein Wachsein bestätige. Manchmal sind die vom Nachtdienst ungeduldig, und fragen erneut. Ich drücke den “Knopf”, also, man muss ihn nicht drücken, nur berühren, es ist glatt und fest und einer dieser undrückbaren Knöpfe. GUTEN MORGEN. Es rauscht weiter. Glaube ein Fehler im System. Gehe ins “Bad”. Die Anlage rauscht noch immer, macht wieder “Dam-Dü-Dam”, es spricht niemand. Endlich geht sie aus. Funktioniert eigentlich IRGENDWAS in diesem Gefängnis, abgesehen vom Verhängen von Bestrafungen?

Ich putze Zähne, wasche Gesicht, koche Wasser im durchsichtigen Wasserkocher, bereite meinen Plastikaufsatz mit Papierfilter vor. Schalte den TV an, auf stumm. 05:12 Uhr. Noch 18 Minuten, bis ich zur Kammer geholt werde. Mache Haare, frage mich, ob ich sehr müde aussehe. Lose eine Zink Tablette in Wasser. Bringe den durchlaufenen Kaffeefilter ins “Bad”, hoffentlich tropft nichts raus, eine Hand drunter. Was nicht die beste Idee ist – am Mittwoch hab ich vor Müdigkeit vergessen zu checken, ob alles heißes Wasser durchlief, und verbrannte mir die Hand, und erschreckte mich dabei, wodurch so oder so Kaffee über die halbe Zelle sprühte. Heute war das Wasser aber 100%ig durchgelaufen, keine Verbrennungen. Kein Kaffee in der Zelle verteilt. Ziehe mich um – von Schlaf-Jogginghose in Alltag-Jogginghose. Schlappen an, wie immer, vom MASSAK-Einkauf, dunkelgrün, Farbe kann man sich nicht aussuchen. In weißer Schrift steht „viva“ drauf, wenn ich das lese, denke ich jedes Mal “viva Palestina”. 5:30, Schritte, Schlüssel. Tür öffnet sich, ich hasse den Geräusch der einrastenden, schweren Schlüssel und das laute Knacken, wenn die Zellentüren geöffnet werden. GUTEN MORGEN. 3 Beamtinnen vom Nachtdienst. Ich nehme der blauen Zensurumschlag meiner ZG, um ihn vor der Briefkastenleerung im Gang unserer WB zu werfen. Ich kann den noch kurz einwerfen, oder? — Jo, haha, Sie sind ja den ganzen Tag weg, haha. HAHA. Was daran so lustig. Laufe mit den drei Beamtinnen ans Ende des Ganges, nachdem ich den Briefkasten nutzte. Ans Ende des 41 Meter langen, 80 Schnitte langen, Ganges, Glastür Öffnet sich, rechts paar Stufen runter zur Kammer, die zwischen WB1 + WB2 liegt, aus Erdgeschossebene. Dann fängt der Spaß an. Beamtin 1: Na, was war denn los? Konnten Sie ned laufe? Was war des mit dem Bürostuhl, Rollstuhl? Ich: Na, ich bestehe auf meine Rechte.

Reden hin-und her. Ob ich mich heute “benehmen” werde. Ich schnaube nur. In der Kammer legt nur eine Beamtin, eine der 3, meine Gerichtskleider vor. Ich frage, woher sie über die Verhandlung Bescheid wissen, ob von Mund-zu Mund Propaganda oder von Nachrichten. Wir wären überall in der Nachrichten, meint diese Beamtin. “Peinlich?” fragt sie mich. Ich weiß nicht, wie sie das meint. Frage mich, was geschrieben wurde von der dpa. Nein, nichts ist mir peinlich. Wie kann das bestehen auf die eigenen Rechte, auf Widerstand, auf Menschlichkeit und Leben und gesunden Menschenverstand peinlich sein.

Mir wird ein Handtuch auf der Boden gelegt. Routine. Schlüpfe aus den “Viva” (ohne Palästina) Schlappen aus, stelle mich auf das Handtuch, ziehe mich komplett nackt aus. “Schmuck?” – “Ja, 1x Brust, 2x Ohren”. Es ist so scheiße seltsam und unangenehm, vor 3 Beamtinnen nackt da – zustehen. Erinnert mich jedes mal an die 48 Stunden in der Polizeistation Ulm, wo ich komplett nackt mit einem Plastikdecke im Bunker war, und die eine Polizistin mich versuchte aufzufordern, mein Brustpiercing raus zunehmen. Ich hab es nie abgenommen.

Siehe, nachdem mein Körperschmuck registriert wurde, die Kleidung für Verhandlungen an, endlich NORMALE Unterhosen, und nicht diese Knastkleider. Den warmen, kuscheligen, grauen Hoodie, wenn ich ihn anziehe stelle ich mir vor, wie meine Mum den für mich aussuchte, denke an alle Mühen, Fürsorge, Liebe, die meine Mum, meine Freundinnen, Genossinnen, Lovers, Familie (genetische + chosen) da draußen hegen. Angezogen komme ich, nachdem auch des Inhalt des durchsichtigen Plastiktüte, die wir Knastis als Tasche zu nutzen haben, registriert wurde, in eine Zelle in der Kammer. Nach Nachfrage weiß ich, in 20 Minuten werde ich abgeholt. Könne ja noch eine rauchen. Morgensonne dringt durch die Fenster mit Gitter, an den Wänden gekritzelte Namen, Botschaften, Daten, Mutzusprechungen. Mache Ausfallschritte, Trizeps-Dips + Liegestücke, Hände auf der Sitzgelegenheit. Nach einer Zeit kommt einer der zwei mich fahrenden Beamten, seit heute wohl “nur” noch 2 anstatt 3, bin wohl nicht mehr eine so große Gefahr. Handschellen. Laufen zum Ende der Kammer, Türe auf, direkt in der Gefangenentransporter, stelle mich rein. Rücken zum Beamten, damit er mir Fußfesseln anlegt, wissend, mein Hinten ist auf Höhe seines Gesichtes. Etwas, was mich und meine ZG irritiert und das wir als ziemlich unangenehm empfinden – darüber sprachen mit kurz vorm Einschlafen gestern Nacht. Werde gefragt, nachdem Fußfesseln arritiert sind, ob ich mich denn selbstständig anschnallen kann. Nein, nicht wirklich. Bisschen schwierig, mit diesen Handschellen. Ziehe den Gurt, wie immer, von links vor, der Beamte kommt rein, schnallt den Gurt in die Öse. Er und eine weitere Beamtin steigen vorne ein, Heizung/Lüftung geht an, diese ist ziemlich laut. Fahren los. Pforte. “Kovarbasic”. Tor. Straße. Autos. Geschwindigkeit. Tunnel. Straße. Weleda Gelände. Aldi. Mache Augen zu. Heute bisschen wacher als am Mittwoch. Öffne die Augen. Wald, links und rechts der Autobahn. Wald! Den Anblick der Waldes lasse ich mir nie entgehen, egal wie müde ich bin. — Im Bunker, eine Genossin kam, ich höre den Gesang, wie immer durch die Lüftung. Ich singe mit. Olivetrees. Genauso, wie in Ulm, im Bunker, damals. Der Song, der gemeinsame Gesang über die Lüftungsschächte, sind mein Zuhause geworden, mein Krafttrank, meine Emotionsregulation, mein Ausdruck von... LOL, der Beamte versucht die Bunkertür zu öffnen. Die Beamtin, ok, geschafft. Einmal in der andern Bunker, zurück. Weiter singen. Weiter schreiben. 08:20 Uhr. Habe eine Zeitung, habe gestern endlich wieder den „der Freitag“ erhalten. Fünf Ausgaben, von April bis Mai. Hat der Sicherheitsbeauftragte alle gelesen, bevor ich sie erhalten durfte? — 15 Minuten Unterbrechung. Bunker. Was ich vergaß: Die Beamtin hier in Stammheim fragte mich, do ich/wir heute denn selbstständig gehen wurden. Ob unsere "Beine weder funktionieren". Sie habe Muskelkater von Mittwoch. — Gerede über die ach so gefährlichen “Schreibwerkzeuge”. Zuschauer*innen wurden bis auf die Unterwäsche kontrolliert?

19:58 Zurück in Schwäbisch Gmünd ☹ Der “Arbeitstag” vorbei. Zurück “Zuhause”. Meiner ZG von heute erzählt gegessen (viel, hab während Verhandlung nichts runter bekommen). Was für eine shit-show. Alle menschen in Publikum geben kraft, genauso wie die anderen 4 zu sehen. Danke an Alle, die heute da waren, und letztes Mal, und nächstes Mal. Und davor, danach, oder die in Gedanken da sind, im gemeinsamen Widerstand gegen die Unmenschlichkeit. Nächstes Mal dann ja vielleicht WIRKLICH die Einlassungen.

Wollte eigentlich mal mit zählen, wie oft wir Handschellen an-aus bekamen, wie oft Hoch-und Runter. Jetzt 6 Tage nichts. Knast-Alltag. Bäh. Ehrlich gesagt fühle ich mich sogar mehr Mensch vor Gericht als hier, und vor Gericht fühle ich mich schon wie ein zur Schau gestellten, befremdliches Objekt. Sa-Mo Wochenende/Feiertag. Das wird anstrengend. Wocheneide und Feiertage ziehen sich irgendwie noch mehr. Dann Freitag Verhandlung, dann 16 Tage NICHTS, darauf muss ich mich vorbereiten, emotional, haha. Nach der Verhandlung würde ich immer gerne duschen, so verschwitzt, aber geht erst morgen um 11. Menschen auf Rückfahrt gesehen die mit Eiscreme aus dem Aldi kamen. Jetzt bin ich platt. Ahja, wenn ich zurück komme wieder das gleiche Szenario in der Kammer, mit komplett ausziehen, etc. Manche Beamten fragen: Na, wie war's. Aber so richtig auch nicht. Meiner ZG fiel eben aufm dass eigentlich keine Beamter noch nett fragt, ob alles ok ist, ob es ok war. Naja, was soll man erwarten. Immer, wenn ich von einer Verhandlung komme, will ich nichts vom Gefängnis wissen, am liebsten diesen Alltag, die Zwangsgemeinschaft an mir vorbeiziehen lassen. Aber nach 2 Tagen bin ich wieder in diesem Chaos, Drama, der hier herrschenden Ungerechtigkeit. Die 88 Jährige Frau wurde endlich entlassen. Es wird heiß die Tage, das ist nicht so toll. Wirst du die warmen Tage genießen? Genieß sie bitte für mich was mit, okay? Jetzt wieder TV. Haben belustigt festgestellt, dass wir langsam “Sturm der Liebe” Expert*innen werden, eine richtig deutsche, schlecht produzierte, 4550 Folgen lange Serie, die in Bayern spielt. Grauenhaft. Aber, ja, mit schauen sie gezwungenermaßen jeden Tag nach Einschluss von 15:15–16:00, sonst kommt da nichts. Schauen sie, sarkastisch.

Die Verhandlung heute was echt wieder reinstes Desaster. Willkommen im “Rechtsstaat”. Mich schockiert glaube Nichts mehr, weder vor Gericht noch im Gefängnis.

Ok, ein langer Brief. Ich stoppe hier. Anbei eine Zeichnung, während ich im “Terrarium” saß, wie Echsen, die irgendwo in einem öffentlichen Ort ausgestellt sind, oder diese Fische in Aquarien bei Restaurants.

Love you! – VI ♥ ♥

P.S.: Jedes Mal, wenn ich Absender auf Briefumschläge schreibe, frage ich mich, wie lange dies noch mein ABS sein wird. JEDES MAL!